Dienstag, 09 Februar, 2010
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Die Geschichte des Diyalog

Der Diyalog e.V. ist eine Gruppe von Theaterenthusiasten, die seit 1983 besteht. Als Angehörige der "zweiten Generation" der in Berlin lebenden türkischen Einwanderer thematisierten wir in unseren Inszenierungen unsere Lebensrealität in der Fremde.

Anfang der achtziger Jahre, als die türkische Kultur in Berlin auf Bauchtanz, Folklore und Videofilme aus der Heimat begrenzt war, versuchten wir mit Theaterproduktionen die Öffentlichkeit auf unsere Kultur aufmerksam zu machen. Als zweite Generation wollten wir nicht, wie unsere Eltern isoliert leben sondern der Gesellschaft, in der wir leben, auch kulturell aktiv angehören.
 
Der Diyalog e.V. hat mit seiner zweisprachigen Inszenierungen, deutsch-türkisch, ( 1983 – 1995 ) und damit verbundenen Wunsch nach Kulturaustausch und den folgenden Theaterfesten
( 1995 – 2005 ) ein überzeugendes Konzept gefunden, das zu einem erfolgreichen Platz in Deutschland und Europa führte.


Schon das erste Stück, die Komödie “Rumuz Goncagül- Kennwort Rosenknospe“ von Oktay Arayici, hatte 1984 beim Publikum großen Erfolg. Das Stück erzählt von einer alten Frau, die sich durch die Verheiratung ihrer Tochter mit einem reichen Mann finanziell sanieren möchte: doch ein geeigneter Kandidat ist schwer zu finden.
 
Die deutsche Presse schrieb durchweg positive Kritiken über diese Komödie. In den Anfangsjahren des Diyalog war die Auseinandersetzung mit dem Leben als Ausländer ein wichtiger Schwerpunkt. Mit der zweiten Produktion „Misafir – Der Gast“ von Bilgesu Erenus nahm Diyalog 1985 ein Thema auf, das für das türkische Publikum besonders aktuell war. Das Stück spielte mehrere Male ausverkauft, wurde auf Festivals eingeladen und ging auf Deutschland Tournee. In der Zeit der „Rückkehrprämien“ wurde über die Integrations- und Reintegrationspolitik eines türkischen Arbeiters hier und in seiner Heimat in den Immigrantenfamilien viel diskutiert. Das Theaterstück „Dönüs – Die Rückkehr“ das ebenfalls großen Erfolg hatte, erzählte die Geschichte der Rückkehrer. Diyalog wollte jedoch ihr Programm nicht auf einen Aspekt „Ausländerproblematik“ reduziert wissen.

Deshalb fand 1987 neue Orientierung statt. Diyalog begann Dramen international bekannte Autoren zu adaptieren, diese auf die eigene Lebenssituation zu beziehen und zu aktualisieren. 1988 kam „Romulus der Große – Büyük Romulus“ von Friedrich Dürrenmatt auf die Bühne.

In der Adaptation des Diyalog wurde aus Dürrenmatts Geschichtsparodie auf Patriotismus und Heldentum eine deutsch-türkische Komödie in guter Volkstheatertradition. Im gleichen Jahr spielte Diyalog „Zwei Verlorene in einer schmutzigen Nacht“ von Plino Marcos.

Der brasilianische Autor erzählt vom Schicksal zweier outlaws, die ihr Leben verändern möchten. Nicht sie sind die Verlorenen der Gesellschaft, sondern es sind diejenigen, die für deren Ausgrenzung verantwortlich sind, korrupte Unternehmer und Politiker, die soziale Ungerechtigkeit planen und Macht ausüben. 1991 zeigte Diyalog „Picknick im Felde – Cephede Piknik“ des spanisch-marokkanischen Autors Fernando Arrabal. Dieses skurril-absurde Antikriegsstück war aus Protest gegen den ersten Golfkrieg inszeniert.

In den erfolgreich adaptierten, aktualisierten Stücken des Diyalog gehören außerdem „Der Indianer will zur Bronx – Bronx Nerede?“ von Israel Horowitz (1994) sowie die Komödie „Bezahlt wird nicht – Borcumuz Yok“ von Dario Fo (1993)

Eine neue Zielgruppe sprach Diyalog mit der Produktion „Allem Kallem“ deutsche und türkische Kinder an. Als Vorlage diente das türkische Volksmärchen von Keloğlan, dem kahlköpfigen, nach dem Märchen von Nazım Hikmet.

Aus der Begeisterung für Kindertheater heraus, inszenierte Diyalog weitere Kinderstücke wie, das „ Kamel“ von Dumitri Salomon, „Der kleine schwarze Fisch“ nach der Erzählung des iranischen Autors Samad Behranghi und Kardan und Leylaki von Lambert Blum frei nach der Erzählung „Das Schwein, das unter die Hühner ging“ von dem syrischen Autor Rafik Schami.


DiYALOG THEATERFEST BERLIN

Mit vier eigenen Produktionen und Beteiligung zahlreichen Gastaufführungen veranstaltete Diyalog Anfang 1995 das erste Diyalog Theaterfest Berlin. Die ungemein große Resonanz, die das Theaterfest beim international zusammengesetzten Publikum und bei den Medien fand, zeigte die Notwendigkeit eines solchen Forums des kulturellen Austauschs. Angesichts des hier deutlich gewordenen Bedarfs, der sich auch in dem Interesse zahlreicher Theatergruppen an der Teilnahme an diesem Festival zeigte, sah das Diyalog- Team es als eine Aufgabe an, das Theaterfest nicht ein einmaliges Ereignis bleiben zu lassen, sondern in den Folgejahren weitere Feste des deutsch-türkischen und des Theaters anderer Migrantengruppen zu organisieren.

Mit dem zehnjährigen Jubiläum (2005) ist das Diyalog Theaterfest endgültig zu einem anerkannten und aus dem (multi)kulturellen Leben Berlins nicht mehr wegzudenkenden Forum des Theaters von und für in Berlin lebende Migrantinnen und Migranten vieler Nationalitäten und Kulturen geworden. Das zeigt sich auch daran, dass es im Lauf der Jahre gelungen ist, einen zunehmend großen Kreis von Förderern und Kooperationspartnern zu finden. Um einige Beispiele zu nennen. Die japanische Botschaft Berlin, Italienisches Kulturinstitut Berlin, Die Botschaft der Niederlande in Berlin, Die türkische Botschaft Berlin, Die Friedrich Ebert Stiftung, Die rumänische Kultur Attache.

Die zentrale Absicht des Theaterfestes ist, die unterschiedlichen Kulturen durch die Kunst zusammenzubringen, die Möglichkeit zu schaffen, das Lebensgefühl, die Nöte, aber auch den Schönheitssinn anderer Kulturen zu begreifen, die gegenseitigen Einflüsse zu entdecken, und sich inspirieren zu lassen von ungewohnten Sichtweisen. Deutlich werden zu lassen, dass sich Kulturen zwar in ihren Symbolen und Ausdrucksformen unterscheiden, dahinter jedoch immer Menschen stehen, die sich im Wesen weder in ihrer Freude noch in ihrer Not unterscheiden. Mit diesem Ziel präsentiert Diyalog drei Programmschienen:
  • in Berlin lebenden Künstlerinnen, Künstlern und Künstlergruppen aus anderen Kulturen ein Podium zu schaffen, auf dem sie ihre Arbeit einer wirklich breiten Öffentlichkeit weit über den Rahmen ihrer jeweiligen Bezugsgruppen hinaus präsentieren können.

  • die qualitativ hochwertige und innovative Inszenierungen aus dem Ausland dem Berliner Publikum zu präsentieren, sowie die Zusammenarbeit der internationalen Künstler zu fördern und zur Entwicklung eines europäischen Netzwerkes des Migrantentheaters beizutragen.

  • die junge Generation und das Publikum zu motivieren, sie auf die Kunst aufmerksam machen und sie hierüber zu beraten.

Das Diyalog Theaterfest hat bisher 170 Produktionen / Kinderstücke, Erwachsenenstücke, Konzerte, Ausstellungen und Podiumsdiskussionen angeboten. Es haben ca. 40.000 Zuschauer aus verschiedenen Kulturen die Veranstaltungen besucht. Diese fanden in türkischer, persischer, griechischer spanischer, italienischer, japanischer, holländischer und englischer Sprache statt. Im Rahmen des TheaterFestes wurden etliche Workshops angeboten, mit der Aufgabe, jungen Talenten die Möglichkeit zu bieten, sich künstlerisch auszudrücken und sich eventuell für eine künstlerische Laufbahn zu entscheiden. Die Ergebnisse dieser Workshops stießen beim Publikum immer auf sehr großes Interesse.